Es gibt Tage, da ist alles sehr unterhaltsam. Da kommt man abends zu Hause an und plötzlich fallen einem all diese unterhaltsamen Dinge ein.
Zum Beispiel heute in der S5, Richtung Niederweningen, 07:28 Uhr.
Wer um diese Zeit im Zug sitzt, weiss wie es abläuft. Die Menschen, dicht gedrängt natürlich, probieren erfolglos die Augen offen zu halten, schlafen ganz (und wenn, IMMER mit offenem Mund), lesen "20 Minuten" oder sitzen apathisch da. Ich zähle mich meist zu den Apathen. Doch plötzlich durchbricht eine laute Stimme das Zeitungsrascheln und Winter-Husten. Blicke werden ausgetauscht, der Störefried wird gesucht. Das Geschwätz wird lauter und plötzlich steht ein Mann zwischen den Abteilen. Mit überlauter Stimme und ständig auf- und abgehend, erzählt er von vorbeifliegenden Vögeln, der Kälte und den Brotpreisen.
Den Gesprächspartner stets wechselnd, hastet er hin und her und plötzlich sind alle wach.
Und was macht man, um nicht in die ganze Sache hineingezogen zu werden? Man ignoriert. Plötzlich sind die eigenen Schuhbändel das Spannendste der Welt und die Fingernägel müssen ja auch noch geputzt werden. Ignorieren und so tun, als würde man von diesem "komischen, vor sich hinredenden Mann" nichts mitkriegen, können alle. Nur ich nicht.
Jetzt weiss ich wie der Mann heisst und wie teuer das Brot in Rapperswil ist. Auch schön.
Gleicher Tag, gleiche S-Linie, entgegengesetzte Richtung. Wieder viele Menschen zusammengepfercht und Müdigkeit in der Luft. Und plötzlich, ich glaube ich sehe und höre nicht richtig, wieder ein Mann der im Gang herumläuft und sich kundtut. Aber nicht etwa derselbe! Jünger als der Redner vom Morgen, doch genauso eifrig, ich zitiere: "Jaja, jetzt hocked ihr da, all uf de Zug, will ihr ja pünktlich am viertel vor uf de Bus müend und pünktlich dihei müend sii. Und morn wieder genau s'glich. Ihr sind sowas vo selber Tschuld, dasses da so es Gestopfe isch, will ihr sind ja die, wo pünktlich det müend sii, wo'n ihr ane müend!" So ging es dann immer weiter und ich konnte doch tatsächlich mein Ignorierkönnen unter Beweis stellen.
Als ich dann aus dem Zug hetzte, zu meiner Bushaltestelle lief und noch schnell einen Blick auf die Uhr warf, um sicher zu gehen, dass es noch nicht viertel vor ist, ich aber 23 Sekunden zu spät kam und demzufolge mein Bus schon weg war, dachte ich: "Jaja, bin halt selber Tschuld."
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